![]() | ||
| Startseite | Forum | Postkarten |
|
Wozu diese Site? Als Ausdruck simpler Fassungslosigkeit. Aus der täglichen Praxis am Arbeitsmarkt (bei den uns bekannten Kollegen und Unternehmen führt man pro Monat eine große Zahl an Bewerbungsgesprächen) gewinnt der Rüttgers-Spruch "Kinder statt Inder" etwas höchst Satirisches, das allerdings durch die Dummdreistheit der Verplattung des Themas immer noch mit Leichtigkeit übertroffen wird. Man kann hier ja einmal vorsichtig darauf hinweisen, das die IT-Branche wirklich alles tut, um qualifiziertes Personal anzuheuern (oder auch zu behalten). Wenn es eine nennenswerte Chance dafür auf dem Arbeitsmarkt auch nur annäherungsweise gäbe, würde die Verzweiflung sicher kaum solche Blüten treiben wie z.B. hier:
Man versuche einmal, einen brauchbar praxisnahen Berufseinsteiger im Umfeld Internet am deutschen Arbeitsmarkt zu bekommen, ohne ihm mindestens 70000 DM Jahresgehalt, einen PKW nach der Probezeit und ein Anrecht auf ein Paket von Aktienoptionen in Aussicht zu stellen. Schon Großunternehmen haben mit solchen Bedingungen zu kämpfen - aber welcher Mittelständler kann es sich leisten, so etwas zu bieten? Bei der deutschen Niederlassung eines international führenden Online-Dienstes hat man in der Softwareentwicklung regelmäßig 10 Prozent des Personals aus England eingekauft - deutsche Bewerber mit Praxis waren nicht zu bekommen. Trotz des erheblichen Aufwands durch Kost und Logis war dies immer noch billiger, als die Projekte mangels Personal liegenzulassen. Wo sind denn die sich weiterbildenden arbeitslosen IT-Fachkräfte aus Deutschland? COBOL-Programmierer und -Operator aus der Computer-Steinzeit sind heute einfach nicht mehr gefragt -die nachgefragten Kenntnisse ziehen sich wie eine roter Faden durch die IT-Stellenangebote jeder überregionalen Tageszeitung . Selbst Praktikanten aus den Informatik- und Physik-Studiengängen sind kaum noch zu haben, wenn man als Firma keinen Namen hat, der sich beim späterem Berufseinstieg im Lebenslauf gut macht. Zusätzlich ist es in den USA seit Jahren üblich, gute und international orientierte Mitarbeiter mit Praxiserfahrung aus den internationalen Arbeitsmärkten "wegzukaufen": Bei Vertragsunterzeichnung wird nicht selten ein "Signing Bonus" gezahlt, der leicht bei mehreren Montatsgehältern liegen kann. In der Tat: man bekommt einen großen Teil des Jahresgehaltes vorab als Bonus ausgezahlt - für die bloße Vertragsunterschrift. Der Arbeitnehmer ist dadurch lediglich verpflichtet, während eines gewissen Zeitraumes, z.B. für ein Jahr, nicht selbst zu kündigen (und er behält den Bonus, wenn der Arbeitgeber aus von ihm selbst zu verantwortenden Gründen kündigt). Glaubt
denn wirklich irgend jemand, daß in diesem Segment des Arbeitsmarktes
eine auf Ausbildung ausgerichtete Aktivität die Rahmenbedingungen für
die deutsche Wettbewerbsfähigkeit ausreichend verbessert, um im Weltmarkt
zu bestehen? Es zeugt von einer bemerkenswerten Unverfrorenheit, wenn der Ex-Zukunftsminister Rüttgers in der Sendung "Berlin Mitte" unumwunden zugibt, daß der Fachkräfte-Mangel ja durchaus auch schon in den Jahren voraussehbar war, als seine Partei noch die Regierungsverantwortung trug. Ja, wo hat er sie denn nur, die neuen Softwarespezialisten, die TCP/IP Netzspezialisten, die Sicherheitsexperten, die JAVA, CORBA und DCOM und Software-Architektur-Gurus, die aufgrund seiner damaligen Aktivitäten heute für gutes Geld praktisch überall mit Handkuß Arbeit finden könnten? Fehlanzeige - es gibt sie nicht; aber natürlich wird die Verantwortung dafür genauso locker übergangen, wie man mit Freude auf all jenen herumhackt, die den ersten konstruktiven Vorschlag seit langem zu dem Thema gemacht haben. Kann es wirklich sein, daß ein Unternehmer jeden Monat zehn- bis zwanzigtausend Mark ausgibt, um seinen Entwicklungschef nach Indien und zurück fliegen zu lassen oder regelmäßig drei Inder für mehrere Monate nach Deutschland holt, damit das 30-köpfige Programmierer-Team in Indien funktioniert, wenn diese Arbeitskräfte in Deutschland irgendwie zu bekommen wären? Als Zuspitzung des Themas kann der Spruch "Kinder statt Inder" nun wirklich nicht mehr verstanden werden; eher als ein Versuch, die in der hessischen Postkarten-Aktion bewährte an Instinkte apellierende Methode zu kopieren (nichts ist so spannend wie der abgestandene Käse von gestern). Nur, daß das Überfremdungs-Klagelied hier in noch dümmlicherer Weise vor den Karren des Wahlkampfs gespannt wird. Nein, bitte, bitte, nicht wieder die Leier von der heroischen Tat der Initiativengründung "Schulen ans Netz". Wenn auch der Kern der Idee gut war, kann doch Herr Rüttgers nicht wirklich meinen, daß man über Jahre auf dem Niveau von 1 (in Worten *einem* oder einigen wenigen) Online-Zugängen pro Schule eine Wirkung erreicht, die irgendwen interessiert? Wie soll denn das Internet genutzt werden, wenn man nicht wenigstens eine Online-Adresse pro Schüler hat? Wie soll man etwas anfangen mit einem Brief, der quasi zufällig über Hunderten von Schülern abgeworfen wird? Es ist zu befürchten, daß tausend Schulen am Netz in Wahrheit bedeutet, daß ein paar Tausend email-Konten an Schulen verteilt werden, die praktisch keiner der Schüler jemals selbst nutzt. Bei näherer Betrachtung ist es mindestens genauso absurd wie die Orginal-Kampagne, daß sich neuerdings gerade die Rüttgers-Partei quasi als moralisches Gewissen Deutschlands dafür einsetzt, die sozialen Interessen sich entwickelnder Länder streng zu achten und mit aller Konsequenz zu schützen. Auch hier glänzt der Schein-Heiligenschein schon von Weitem! Ein Angebot von 20000 Visa wird sicher nicht reichen, um die gesamte indische Elite nach Deutschland abzuwerben - das schaffen ja nicht mal die Amerikaner mit Ihren wesentlich radikaleren Angeboten. Viele der guten Bewerber gehen sowieso viel lieber direkt in die USA - insbesondere weil man in Indien fließend englisch spricht, was man von weiten Teilen der deutschen Arbeitnehmerschaft oder Verwaltung leider auch heute noch nicht behaupten kann. Nunja; es ist wohl unverkennbar, daß die Autoren und Besitzer dieser Web-Site in der Internet-Branche arbeiten und wie viele andere in der Branche daran leiden, daß heute selbst auf halbseitige FAZ-Anzeigen kaum mehr als zehn brauchbare Bewerbungsschreiben eingehen und nach den Gesprächen nur wenige übrigbleiben, die einigermaßen gut auf das vorbereitet sind, was man in dieser Branche braucht. Die Betreiber dieser Domain gehören auch keiner politischen Partei an; möchten aber trotzdem eine Plattform zur Meinungsäußerung in der angestoßenen Debatte anbieten. Ausbildung - natürlich; jetzt erst recht und zwar heftig! Aber bitte zu Berufen, die gebraucht werden! Und für den Moment ist dieses Mittel trotzdem zu langsam. Begabte Arbeitlose umschulen zu Programmierern? - aber immer; aber eben nicht nur. Schlaue Kinder morgen und schlaue Inder, Russen, Ungarn, Tschechen, Letten und überhaupt jemand HEUTE muß es heißen - nicht nur konsequent, sondern vor allem auch DALLI ! In
dem Sinne, viel Spaß beim Abstimmen, in unserem Forum und bei unserer Postkartenaktion !
|
|
||||
| © skowa 2000 | info@kinder-statt-inder.de | |||